100 Jahre- Firmengeschichte der Firma Sauer

Erneuern - Erhalten - Bewahren


Nach seiner Heimkehr aus dem Ersten Weltkrieg gründete der gelernte Stuckateur und Bildhauermeister Jean Sauer (1891-1964) 1918 sein Unternehmen in einer angemieteten Werkstatt in der Mainzer Heringsbrunnengasse. Die bald in Mainz und Rheinhessen errichteten Kriegsdenkmäler erlaubten ihm schon ein Jahr später die Anstellung zweier Gesellen. Die denkmalpflegerischen Aufträge ließen im Goldenen Mainz nicht lange auf sich warten. In dieser Zeit bestand die überwiegende Arbeit der Steinmetze in der Abformung vieler Fassadenstücke aus Sandstein, die dann durch deutlich preiswerteren Kunststein ersetzt wurden. Nach 1923 gab es viele Aufträge auswärtiger Museen zu Abformungen der in Mainz reichlich vorhandenen Römischen Grabdenkmäler mit Gips. Ab 1927 beauftragte der Mainzer Carneval Verein (MCV), als Organisator des Rosenmontagszuges, Jean Sauer und weitere Mainzer Bildhauer mit dem Bau der jährlich wechselnden Motivwagen. Neben den Wagen für den Zug wurden auch die für die Fastnachtssitzungen benötigten Wanddekorationen und Bütten gefertigt sowie die ersten Schwellköppe aus Ton vormodelliert. Während der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre wurden viele Arbeiten eingestellt und infolge dessen mussten alle Mitarbeiter der Firma entlassen werden. Für eine kurze Zeit musste sich Jean Sauer eine berufsfremde Tätigkeit suchen, um seine Frau und seine beiden Kinder ernähren zu können. Nach dieser sehr schweren Zeit bekam er die Möglichkeit sich mit der Ausbesserung von Stuckarbeiten über Wasser zu halten. Seine schönste Stuckarbeit hat den Krieg überlebt. Sie ziert noch heute das Tonnengewölbe der Toreinfahrt des 1660 errichteten Gebäudes zum "Römischen Kaiser" am Mainzer Liebfrauenplatz. Nach der Überwindung der Weltwirtschaftskrise standen wieder städtische und staatliche Mittel für denkmalpflegerische Arbeiten zur Verfügung. Jean Sauer bekam 1934 die Aufgabe, gemeinsam mit seinem Mombacher Kollegen und Freund August Wiener eine Kopie der römischen Jupitersäule zu erstellen. Das Original wurde im Jahre 59 nach Christus im Auftrag der Mainzer Bürger zum Wohl Kaiser Neros gefertigt. Die Qualität dieser künstlerisch anspruchsvollen Arbeit sprach sich auch bis Rom herum und man wünschte eine weitere Kopie für das Nationalmuseum in Rom. Die Freunde begleiteten die neu gefertigte Kopie in die italienische Hauptstadt und wurden dort von Papst Pius XI. empfangen. Die weiterhin gute Auftragslage ermöglichte Jean Sauer 1942 die Übernahme eines Steinmetzbetriebs in der Unteren Zahlbacher Straße. Er schaffte sich mit der Herstellung von Grabsteinen ein weiteres einträgliches Betätigungsfeld.

Am 28. Februar 1945 stand Jean Sauer, wie so viele Mainzer, vor den Trümmern seiner Existenz. Der verheerende Bombenangriff der Alliierten hatte seine beiden Arbeitsstätten und die dazugehörige Wohnung vollständig zerstört. In der Hoffnung, dass Mainz wieder aufgebaut würde, begann Sauer direkt nach Kriegsende mit den verbliebenen Mitarbeitern eine behelfsmäßige Werkstatt aufzubauen.

Ein Jahr später, 1946, bekam Jean Sauer von seinem aus dem Krieg zurückgekehrten Sohn Paul (1919-2014) Unterstützung. Dieser begann, obwohl er andere berufliche Pläne hatte, im August seine Lehrzeit im väterlichen Betrieb. Er schulte um und wurde Steinmetz. Sein Meisterstück war der Schlussstein für den Kreuzungspunkt der gotischen Gewölberippen für die Johanniskirche, die mit Unterbrechungen von 1949 bis 1953 wieder aufgebaut wurde.

Als der Wiederaufbau im vollen Gange war und sich das Auftragsbuch füllte, begann man auf dem in der Zwischenzeit käuflich erworbenen Werkplatz in der Unteren Zahlbacher Straße in Eigenarbeit eine Werkstatt zu errichten und diese beständig zu erweitern. Moderne Geräte wurden angeschafft und 25 Mitarbeiter beschäftigt. Paul Sauer, den sein Vater in der Zwischenzeit zum Teilhaber gemacht hatte, war für die Bau- und Steinmetzarbeiten zuständig und auf unzähligen Baustellen in der Stadt gleichzeitig beschäftigt. Nun bewahrte man gemeinsam bis zum Tode des Firmengründers 1964 Altes und gestaltete Neues.

Die Geschäfte liefen so gut, dass das Werksgelände 1966 zu klein wurde und man zusätzlich eine speziell auf den Verkauf von Grabsteinen ausgerichtete Filiale am Mombacher Waldfriedhof errichtete. Zur guten Geschäftslage trug auch die bauzeitliche Mode der 60er und 70er Jahre mit Ihren vollverkleideten Steinfassaden an Banken, Universitäten, Geschäften und öffentlichen Gebäuden bei. Die Tätigkeiten des Unternehmens umfassten zu diesem Zeitpunkt: Fassadenbekleidungen, Restaurierungen, Treppen, Bodenbeläge und Fensterbänke. In dieser Zeit fanden alle Natursteine sowie Betonwerkstein als Baumaterial Verwendung.

Beim 70jährigen Jubiläum im Jahr 1988 umfasste die Aufzählung der vollendeten Arbeiten ein einhundert Seiten starkes Büchlein mit Erklärungen und Bildern, wobei in dieser Sammlung nur ein kleiner Teil der zwischen 1946 und 1988 rund 900 mittleren und größeren Arbeiten aufgeführt wurde.

Durch die Arbeit an den vielen Bauwerken in Mainz verwuchs Paul Sauer auf ganz besondere Weise mit seiner Geburtsstadt. Er erhielt zusammen mit seinen Mitarbeitern durch sein Handwerk das kulturelle Erbe der Stadt und hinterließ so seine Spuren im öffentlichen Raum. Die Stadtväter dankten es Paul Sauer mit der höchsten kulturelle Auszeichnung der Landeshauptstadt Mainz, der Gutenberg Plakette und dem Ehrenring seiner Heimatstadt, den er für sein Wirken zum Wohle der Stadt erhielt.

In seinem Handwerk war Paul Sauer ein angesehener Fachmann und erhielt 1967 das Leistungszeichen des Deutschen Bildhauer- und Steinmetzhandwerks für hervorragende handwerkliche Arbeiten. Ohne qualifizierte Mitarbeiter wären diese Erfolge nicht möglich gewesen. Stellvertretend für die vielen Mitarbeiter sei an dieser Stelle der Steinbildhauer Heinrich Keller genannt, der von 1945 bis 1971 dem Betrieb angehörte und für die Rekonstruktion vieler gestalterischer Elemente Sorge trug.

Paul Sauer lebte für und mit dem Handwerk, was sich auch in seinem Engagement in vielen Ehrenämtern des Deutschen Handwerks niederschlug. Als Fachmann erteilte er Fachkundeunterricht an der Berufsschule und setzte sich für die Gründung der Fachschule für Bildhauer und Steinmetze in Mainz-Hechtsheim ein. Dort wird bis heute die überbetriebliche Ausbildung der Lehrlinge begleitet.

Das Handwerk und der Fortschritt

Vom Fortschrittsglauben seiner Generation angetrieben verwendete Sauer viel Zeit und Energie auf die Frage, wie man Stein konservieren kann, um dessen Schönheit dauerhaft zu erhalten. An den schönen Skulpturen und filigranen Elementen sollte nicht der Zahn der Zeit nagen und der Fortschritt der Wissenschaft musste doch auch für diesen alten Werkstoff eine Lösung finden? 1975 bekam Sauer im Zuge der Neugestaltung des Domplatzes die Möglichkeit, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse auf diesem Gebiet anzuwenden. Der Marktbrunnen, ein Geschenk von Kardinal Albrecht von Brandenburg 1526 an die Mainzer Bürger musste wieder an seinen ursprünglichen Standort gebracht und restauriert werden. Paul Sauer beschreibt diesen Vorgang in seinem Buch wie folgt: "Der gesamte Brunnen wurde mit größter Vorsicht abgebaut und zum Werkplatz des Betriebes transportiert. […] Ein wesentlicher Bestandteil der Gesamtmaßnahme war die beabsichtigte Imprägnierung des Brunnens, um vor allem die […]Bekrönung- deren graugelber Sandstein besonders anfällig ist […] auf Dauer zu sichern. Es wurde zusammen mit einem bedeutenden Unternehmen der Baustoff-Chemie - eine ganze Versuchsreihe durchgeführt, um das für den vorliegenden Stein am besten geeignete Präparat ausfindig zu machen […] daß insbesondere auch die "Atmungsfähigkeit" des Steinmaterials erhalten blieb. Sodann erfuhr jedes Teilstück des Brunnens auf dem Werkplatz eine etwa 36stündige Volltränkung in einem Tauchbad. Nach entsprechender "Aushärtung" begann der Transport zum "neuen, alten" Standort und der vorsichtige Aufbau mit entsprechenden Edelstahl-Verklammerungen aller Werkstücke."

Der heute noch in voller Schönheit auf dem Domplatz stehende Brunnen ist möglicherweise das einzige gelungene Exemplar einer Imprägnierung. Denn ganz im Gegensatz zum Mainzer Marktbrunnen zeigten viele in dieser Zeit, mit dieser material- und zeitintensiven Methode bearbeiteten Steine schon nach wenigen Jahren schwere Schäden. Die Firma Sauer wendet deshalb diese Technik nicht mehr an. Der Zeitgeist hat eine versöhnliche Einstellung zur Alterung des Natursteins entwickelt. Heute bleibt auch auf Wunsch der Kunden, wieder mehr Natur im Stein.

Es bleibt noch Arbeit für nachfolgende Generationen

Auf den ersten Blick erscheint die Beschäftigung eines Steinmetzes mit der Frage der längeren Haltbarkeit des bearbeiteten Steins geschäftsschädigend. Bedeutet doch dessen beständiger Verfall immer wieder neue Arbeit für den Steinmetz. Bei manchen Werkstücken die die Firma Sauer bearbeitet hat besteht sogar die Möglichkeit, dass sich alle drei Inhaber mit ihnen befasst haben. Der Heilige Jakobus auf dem Portal des Kommandantenbaus, wurde 1969 von Paul Sauer restauriert und im Jubiläumsjahr 2018 von einem Mitarbeiter des Unternehmens erneut von schadhaften Stellen befreit. Leider gibt es keine gesicherten Informationen darüber, dass schon Jean Sauer am Heiligen Jakobus gearbeitet hat, als er in den 30er Jahren auf der Zitadelle seine Bildhauerwerkstatt betrieb. Diese wiederkehrenden Arbeiten ringen dem Stein auch immer etwas von seiner Substanz ab. Jeder Stein ist endlich und nicht jede Restaurierung der Vergangenheit ist ein Gewinn. In den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts verloren die alten Gebäude an Beliebtheit. Sie waren häufig zu groß oder zu klein, aber auf jeden Fall nicht für das moderne Leben gemacht. Von den hohen Kosten der Instandhaltung ganz zu schweigen. Diese Aspekte führten in der Nachkriegszeit zum Verschwinden weiterer historischer Bausubstanz. Gelänge es dem Steinmetz, die nächste Sanierung viele Jahre hinauszuzögern, bestünde die Möglichkeit mehr Bauherren zum Erhalt des kulturellen Erbes zu bewegen. Denn der Eigentümer müsste dann zu seinen Lebzeiten nur eine Restaurierung durchführen lassen und wäre nicht in Sorge, dass Regen und Luftverschmutzung die teure Pracht in kurzer Zeit schwer angreifen und er erneut den Handwerker bestellen muss. Für die Steinmetze bliebe dennoch ausreichend Arbeit und vor allem Zeit sich dem Erhalt des baukulturellen Erbes zu widmen.

Dem größten Wettlauf gegen den Verfall sahen sich die Steinmetze 1990 nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten gegenüber. Damit auch die Gebäude in der Mainzer Partnerstadt Erfurt wieder erstrahlen konnten, rief Paul Sauer zu Spendenaktionen für die dortigen Steinmetze auf, für die dringend Werkzeuge und neue Maschinen benötigt wurden. Es musste einmal wieder in der Geschichte, bewahrt, erneuert und gestaltet werden. Für dieses Engagement erhielt Sauer von der Bundesrepublik Deutschland das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern.

Die neue Zeit

Internationalisierung und Maschinen

Nach Lehrjahren in Deutschland und Tschechien begann Ulrich Schulz nach seinem Kunststudium in Mainz im Jahr 2001 als Akademischer Bildhauer und gelernter Steinmetz seine Tätigkeit bei der Firma Sauer. Zunächst sah sich Schulz, der sich nebenbei noch als Restaurator im Steinmetz- und Bildhauerhandwerk ausbilden ließ, nicht in der Rolle des Unternehmers, er wollte Kunst machen und nebenbei als Restaurator arbeiten.

Als nach Jahrzehnten in Familienbesitz der Steinmetzbetrieb 2003 dann an Ulrich Schulz übergeht, muss dieser das Unternehmen neu ausrichten. Die intensive Bauzeit seit dem Kriegsende, die dem Unternehmen fast zwangsläufig volle Auftragsbücher beschert hatte, war schon lange vorbei. Zusätzlich geriet die Mainzer Wohnungsbaugesellschaft, ein wichtiger Kunde des Unternehmens 2009 in eine finanzielle Schieflage.

Gleichzeitig veränderten sich die Rahmenbedingungen für das Steinmetzhandwerk. Die Internationalisierung des Steinmarktes mit einem vereinfachten Zugang zu Produkten aus Indien und China, deren Transportkosten nach Europa nicht mehr ins Gewicht fielen, schaffte eine neue Marktlage. Die Fertigung günstiger Steinprodukte in Asien veränderte das Einkaufs- und Planungsverhalten der Architekten, der wichtigsten Kundengruppe des Betriebes.

Zudem hat auch der technische Fortschritt in der Denkmalpflege Einzug gehalten. Mit Hilfe geeigneter Maschinen ist eine schnellere Verarbeitung des Steins und damit auch eine erhebliche Kostenersparnis möglich. Die konsequente Verbindung moderner Technik und höchster Handwerkskunst sieht man als einzige Möglichkeit, der Konkurrenz aus Asien dauerhaft erfolgreich zu begegnen. Daher erfolgt die Produktion hochwertiger Steinarbeiten auf dem eigenen Betriebsgelände mit modernsten 5- und 6- achsigen CNC Maschinen. Letztere ist die größte und einzige ihrer Art in Deutschland die mit interpolierenden Achsen arbeiten kann.

Da die Firma Sauer keinen eigenen Steinbruch unterhält, legt man in Budenheim viel Wert auf den direkten Einkauf in den Steinbrüchen und damit gute Handelsbeziehungen, die eine wichtige Voraussetzung für gute Produkte und ihre schnelle Verfügbarkeit ist. 95% der Steine werden in der eigenen Werkstatt mit höchster Präzision bearbeitet. Bei den Arbeiten werden pro Jahr etwa 100-150m³ Sandstein aus der Region, Kalkstein aus dem Mainzer Beckenstein, sowie Gesteine aus der Pfalz, der Eifel und dem Odenwald allein für Restaurierungsarbeiten verarbeitet. Hinzu kommt noch die Steinverarbeitung für den Fassaden- und Innenausbau.

Das alte Firmengelände an der Unteren Zahlbacher Straße wurde für den notwendigen Maschinenpark und eine attraktive Ausstellung zur Bemusterung der Steine für Architekten und Privatkunden zu klein. Deshalb erfolgte 2012 der Umzug in die Hechtenkaute nach Budenheim. Im Zuge dessen wurde die ganz in der Nähe liegende Dependance am Mombacher Waldfriedhof geschlossen. Doch mit einem neuen Standort und neuen Maschinen war es nicht allein getan. Mit der Verwendung derselben verändert sich auch die Anforderung an den Stein. Diese Herausforderung stellt sich insbesondere bei der Verwendung von Stein im Innenausbau. Die Gestaltung von Steinböden und Treppenhäusern ist eine uralte Disziplin der Steinmetze. Heute verwendet man den Stein durch seine preiswerte Verfügbarkeit auch in Küchen als Wandverkleidungen und Arbeitsplatten, in Bädern findet er anstelle der Keramik Verwendung. Er soll sich mit seiner kühlen Eleganz der modernen Raumgestaltung anpassen. Ebenso feiert die Steinfassade der späten Moderne eine Renaissance.

Mit den geänderten Anforderungen an die Einsatzmöglichkeit des Materials änderten sich auch die geforderten Qualifikationen der Mitarbeiter. Von den zur Zeit der Übernahme 12 Mitarbeitern konnte und wollte am Ende nicht Jeder den neuen Weg mitgehen. Es mussten neue qualifizierte Steinmetze gefunden werden. Ein Vorteil des Steinmetzhandwerks sind die in allen Ländern der Welt nahezu gleichen Steinbearbeitungstechniken. Das führte schon über die Jahrhunderte zu einem internationalen Fachkräfteaustausch, der nun wiederbelebt wurde.

Ulrich Schulz konnte seine alten Kontakte durch seinen Aufenthalt im tschechischen Horice gut nutzen, um tschechische Steinmetze für die Arbeit in Mainz zu gewinnen. Die von Paul Sauer als Handwerkspräsident ins Leben gerufene Handwerkspartnerschaft zwischen Rheinland-Pfalz und der Region Burgund in Frankreich trug jetzt ebenfalls Früchte für das eigene Unternehmen. In Dijon können Schüler ihr Baccalauréat (Abitur) machen und gleichzeitig ein Handwerk erlernen. Seit nun 17 Jahren kommen regelmäßig junge Franzosen und Französinnen zu einem vierwöchigen Praktikum in den Steinmetzbetrieb der Partnerstadt. Viele kommen gerne auch nach der Schule, um noch für einige Zeit im Betrieb mitzuarbeiten. Mitarbeiter aus Venedig, der Schweiz und Syrien sorgen für einen weiteren intensiven Wissenstransfer. Als stellvertretender Obermeister der Innung und als solcher auch für die Ausbildung im Steinmetzhandwerk zuständig, bemüht sich Ulrich Schulz auch in diesem Bereich intensiv um Nachwuchs. So werden zurzeit 10 Auszubildende ausgebildet. Das entspricht etwa 1/5 aller Auszubildenden im Steinmetzhandwerk in Rheinland-Pfalz. Zusätzlich machen viele Steinmetze, auf die ein elterlicher Betrieb wartet, gerne kürzer oder länger Station in Budenheim.

Die Mitarbeiterzahl stieg von zwischenzeitlich 12 auf heute 45, darunter sind die verschiedensten Qualifikationen zu finden: Steinmetzmeister, akademische Bildhauer, Restauratoren im Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk, Maurermeister, Steinmetzgesellen, Lehrlinge und kaufmännische Angestellte. Es ist die Mischung aus formaler Qualifikation, Erfahrung und Mut, mit dem sich die Mitarbeiter immer wieder neuen Aufgaben stellen.

Die Anstrengungen der vergangenen Jahre haben sich gelohnt. Zehn Jahre nach Betriebsübernahme wurde die Firma Sauer zum Unternehmen des Jahres im Landkreis Mainz-Bingen für die erfolgreiche Betriebsübernahme gekürt.

Besondere Aufträge, besondere Kunden und Handwerkskunst

Der Betrieb hat sich nicht nur in der Verarbeitung von Steinen einen Namen gemacht, sondern ist auch ein wichtiger Ansprechpartner im Steintransport für das Archäologische Institut in Mainz. Die Römer haben Mainz ein gewichtiges Erbe hinterlassen und so kann es schon einmal sein, dass ein römischer Legionär in seinem steinernen Grab nach seinem Transport auf dem Betriebsgelände der Firma Sauer seine zeitweilige Ruhestätte findet. Als das rheinland-pfälzische Landesparlament wegen Umbauarbeiten am Deutschhaus vorrübergehend ins Landesmuseum umzog, mussten viele dort aufbewahrte Steine erst neu arrangiert oder zur Seite geschafft werden. Auch auf der bisher südlichsten Baustelle in Saarbrücken betätigte man sich wie so oft, als Umzugsunternehmen für steinerne Zeitzeugen und gewichtige Skulpturen. Das dort mit mobilen Kränen bewegte Konglomerat an Statuen der Ludwigskirche wog bis zu 17 Tonnen.

Auf den Spuren der Römer

Auch restauratorisch widmeten sich die Mitarbeiter dem römischen Erbe. Nach der Erstellung einer Kopie der Jupitersäule 1934, die man heute noch auf dem Schlossplatz bewundern kann, gelang es der Firma Sauer 2017 sich erfolgreich um die Restaurierung der Römersteine, unweit der alten Wirkungsstätte in der Unteren Zahlbacher Straße zu bewerben. Diese drohten zu verfallen und mussten denkmalpflegerisch bearbeitet werden. Die Römersteine sind Reste des höchsten Aquädukts nördlich der Alpen, das um ca. 70 n. Chr. frisches Quellwasser aus Mainz-Finthen in das neun Kilometer entfernte Legionslager auf dem Kästrich brachte.

Auf der bisher nördlichsten Baustelle im Archäologischen Park Xanten ist die Rekonstruktion verschiedener römischer Mauertechniken gelungen. Nicht weit von Xanten, im Industriearchäologischen Park in Oberhausen konnte man ebenfalls Mitarbeiter bei der Arbeit antreffen. Dieser Park dokumentiert die Entstehung der St. Antony Hütte. In dieser Hütte floss 1758 das erste Roheisen im Ruhrgebiet. Vier Jahre lang hatte dort der Landesverband Rheinland (LVR) die Ausgrabung von Mauerresten, Fundamenten und Teilen der alten Produktionsanlagen finanziert. Zur Sicherung des Industriedenkmals wurde im Anschluss ein fünfjähriger Wartungsplan von der Firma Sauer erstellt und umgesetzt. Die Fugen der Mauerwerke müssen immer wieder erneuert werden, da sich der Kalk, der als Bindemittel verwendet wurde, immer wieder auswäscht, Kompressen regelmäßig erneuert und weitere denkmalpflegerische Arbeiten durchgeführt werden.

Im nahegelegenen Frankfurt am Main wurden die Mauerwerksbestände des Archäologischen Gartens restauriert. Zwischen dem Frankfurter Dom, der Kunsthalle und dem technischen Rathaus befinden sich neben römischen Mauerwerksresten auch karolingische Mauern des etwa 15 Meter langen "Königsgangs" zwischen der Königspfalz und Salvatorkirche und Mauerreste des Mittelalters. Da die Mauern fehlerhaft restauriert und dann dem Verfall preisgegeben worden waren, musste das bereits gelockerte Mauerwerk repariert werden, d.h. die alten Fugen ausgetauscht und Risse mit historischem Mörtel geschlossen werden. Neben den restauratorischen Arbeiten wurde zur besseren Veranschaulichung für die Besucher die Teilrekonstruktion eines Hypokaustums durchgeführt. Eine aus der Römerzeit stammende Warmluftheizung, bei der ein massiver Körper mit warmer Luft durchströmt wird, der aber im Vergleich zu einem Heizkörper eine niedrigere Oberflächentemperatur hat. Als Wärmeträger wurden sie vor allem in Fußböden oder Wänden der römischen Häuser eingesetzt.

Streng genommen, entsprechen diese Aufgaben nicht den typischen Arbeiten eines Steinmetzes und sind Maurerarbeiten. Es ist die Mitwirkung an historisch bedeutsamen Objekten, die Schulz an diesen Projekten fasziniert. Zusätzlich erweitern diese Aufträge das Repertoire der Firma Sauer und führen zu neuen Erkenntnissen im Umgang mit dem Werkstoff Stein. Man arbeitet mit dem Stein ungeachtet seines Alters, seiner Verwendung und Bedeutung.

Denkmalpflege

Die Denkmalpflege ist ein wichtiger Aufgabenbereich der Firma Sauer. Diese Aufgabe lebt mehr noch als die anderen Tätigkeiten von einem Vertrauensverhältnis zwischen dem Kunden und dem ausführenden Betrieb. Ein enger Austausch ist erforderlich, da man nie weiß, was einen beispielsweise an einer Fassade erwartet, wenn Verunreinigungen, Putz und Farbe abgetragen sind. Ein besonders bemerkenswertes Projekt ist die Wiederherstellung einer Jugendstilfassade am Lessingplatz in der Mainzer Neustadt. Diese war in der Aufbauphase nach dem Krieg den Kosten und den Notwendigkeiten der Zeit zum Opfer gefallen. Dort wurde die ursprüngliche Fassade mit verschiedenen historischen Putztechniken unter reger Anteilnahme des Eigentümers wieder hergestellt. So ist der Erhalt eines baukulturellen Erbes aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts gelungen und mit dem Bundespreis für Handwerk in der Denkmalpflege ausgezeichnet worden. Dieser Preis wird seit 1993 von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und dem Zentralverband des Deutschen Handwerks an private Eigentümer verliehen, die bei der Bewahrung ihres Denkmals in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Handwerk Herausragendes geleistet haben. Die an den Restaurierungsmaßnahmen beteiligten Handwerksbetriebe werden mit Ehrenurkunden aus-gezeichnet.

Peter Parler Preis

Seit einigen Jahren bekommt das Unternehmen regionale und überregionale Preise verliehen. Der wichtigste Preis und eine hohe Anerkennung ist der alle zwei Jahre vergebene Peter Parler Preis der Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bundesverband der Steinmetze und der Bundesstiftung Baukultur. Mit diesem Preis werden hochwertige Arbeiten an Denkmalpflegeobjekten aus Naturwerkstein prämiert. Prämiert wurde 2015 eine Auftragsarbeit des Mainzer Denkmal Netzwerkes. Es handelt sich um eine spiegelbildliche Kopie des Löwen vom Mainzer Raimunditor, eines der noch erhaltenen Stadttore, das zwischen 1873 und 1879 errichtet wurde. Das Original konnte nicht mehr gefunden werden und so schlug der aus Tschechien stammende Steinmetz Hynek Chalupa in 109 Tagen den stattlichen Löwen aus französischem Kalkstein und leistete einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung des Mainzer Kulturgutes. Die aufwendige Arbeit der Kopiertechnik erlernte Ulrich Schulz während seines Aufenthalts an der Steinbildhauerschule im tschechischen Horice.

Handwerkskunst!

Werden die alten Techniken und Erfahrungen nicht tradiert, geht viel Wissen und handwerkliches Können verloren. Um die Besonderheiten des alten Handwerks wieder ins Bewusstsein zu bringen, konzipierte der Südwestrundfunk 2016 eine Sendereihe Handwerkskunst.

Mit Sprengeisen, Spitzeisen und Scharriereisen ging der Steinmetz, Restaurator im Steinmetz- und Bildhauerhandwerk, Frank Steinhauer an die Arbeit, er war der Protagonist des 45 minütigen Films: Handwerkskunst! Wie man einen Stein meißelt. Insgesamt dauerten die Filmaufnahmen eine Woche in der Steinhauer stellvertretend für alle Kollegen seine ganze Leidenschaft für den Beruf zeigen und dem interessierten Zuschauer erklären und veranschaulichen konnte, wie man an einer Gründerzeitfassade verwitterten Sandstein ersetzt und insbesondere den Handlauf einer Balustrade erneuert. Er steckte mit seiner Begeisterung für seinen Beruf an und machte ihn erlebbar.

Was als Bildhauerbetrieb vor 100 Jahren begann, hat sich zu einem modernen Unternehmen in den Bereichen, Restaurierung, Fassadenbau, Bildhauerei, Grabmalgestaltung und Innenausbau weiterentwickelt.